Haqel meets Münster

oder wie „Quasti“ den Weg ins Geomuseum fand

Auf einer unserer Reisen durch den Libanon besuchen wir mit Byblos eine der ältesten Städte der Welt und stoßen auf dem abendlichen Rundgang durch die verwinkelten Gassen der Altstadt auf ein kleines Museum, Memory of Time, das sich als wahre Fundgrube erweist. Die Exponate sind hunderte Fischfossilien, Millionen von Jahren alt. Rochen, Haie, Krebse und Schildkröten hängen an Wänden und in Vitrinen. Sie alle stammen aus Steinbrüchen in der Nähe von Haqel und Hgula, zwei kleinen Dörfern im benachbarten Libanongebirge. Wir schauen uns um und kommen mit Pierre Abi Saad, dem Inhaber von Museum und Shop ins Gespräch. Er berichtet von der Familientradition des fossilen „Fischfangs“ in dritter Generation, von der beschwerlichen Arbeit im Steinbruch und von den Freuden bei Entdeckung einer seltenen Spezies. Wir hören gebannt zu und stellen uns vor, selbst zwischen all den Felsbrocken im Gesteinsstaub nach Fossilien zu suchen. Pierre muss unser Interesse gespürt haben, denn er lädt uns plötzlich nach Haqel auf eine Tagesexkursion ein. Wir nehmen an und versprechen, auf einer unserer nächsten Fahrten in den Libanon ihn genau dort zu besuchen. Wer hätte gedacht, dass sich daraus zuerst ein wissenschaftliches Projekt und schließlich eine tiefe Verbundenheit entwickeln würde – gelebte deutsch-libanesische Freundschaft abseits offizieller Diplomatie.

Im Sommer 2019 ist es dann soweit. Wir verbringen einen heißen Tag in Haqel und spalten Platte um Platte im Steinbruch. Pierre, sein Bruder und sein Freund zeigen uns die beste Technik, geben Tipps und versorgen uns nicht nur mit der sprichwörtlichen libanesischen Gastfreundschaft und Herzlichkeit, sondern auch mit kühlen Säften und Manakish. Wir entdecken nicht nur Fossilien, sondern auch Gemeinsamkeiten in den Familiengeschichten, da Uwes Großvater selbst viele Jahre im Steinbruch von Solnhofen nach dem Krieg gearbeitet hatte. Pierre beherrscht sowohl das Dozieren als auch das Zuhören. Geschichte folgt auf Geschichte. Am Ende des Tages versprechen wir uns, für immer in Kontakt zu bleiben.

Im Herbst 2020 trifft uns aus Haqel überraschend das Angebot, eines der wertvollen Exponate aus der privaten Sammlung der Abi Saads zu erwerben. Hieraus reift in uns die Überlegung, eines der Fossilien für das gerade in Restaurierung befindliche GEOMUSEUM der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zu erwerben und als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Da die finanzielle Ausstattung des Museums knapp bemessen ist, stößt unsere Idee schnell auf offene Ohren. Es folgt ein reger Austausch mit Herrn Dr. Markus Bertling, dem Leiter der paläontologischen Abteilung. Sein Enthusiasmus für die Wissenschaft und seine Offenheit für unsere Gedanken sind schließlich auch der Katalysator einer neuen Freundschaft.

Die Auswahl fällt nach einigen Überlegungen bezüglich der zukünftigen Exponateauswahl und den Bedürfnissen des Geomuseums auf Macropomoides orientalis, einer ausgestorbenen Spezies aus der Ordnung der Quastenflosser, den meisten Menschen geläufig als „lebendes Fossil“. Inzwischen hat sich eine Zusammenarbeit zwischen Haqel und den Münsteraner Paläontologen angebahnt. Eine Sonderausstellung im Geomuseum zu den Fischfossilien im Libanon und Exkursionen von Wissenschaftlern und Studenten der WWU in die Steinbrüche von Haqel sind geplant. Das ist Austausch auf allen Ebenen. Begonnen hat dies alles mit unserer Reise in den Nahen Osten.

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